Westliche Musiker entdecken den BuddhismusTIBETISCHES TOTENBUCH

Westliche Musiker entdecken den Buddhismus

„Bardo“-Komposition für Violoncello und Orchester vom Frankfurter Komponisten und Musikprofessor Hans Zender – Vertonung des „Bardo Thödol“ durch den einstigen Schlagzeuger der Deutschrock-Band „Eulenspygel“, Jean-Pierre Garattoni

Von Barbara Gutmann

EM – Im Frühjahr dieses Jahres hörte erstmals eine größere Musikgemeinde im Westen ein Konzert für Violoncello und Orchester, dessen Komposition auf die „Bardos“ des „Tibetischen Totenbuches“ eingeht. In Budapest, München, Berlin, Hamburg, Witten und Frankfurt am Main führten die Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie das Konzert „Bardo“ des Komponisten und Dirigenten Hans Zender auf.

Das tibetische „Bardo“ bedeutet wörtlich „Zwischenzustand“. Es kommt aus dem Buddhismus. In der Lehre Buddhas werden sechs solche Zustände genannt. 1. der Bardo des Todesmomentes, 2. der Bardo der Realität oder des „Dharmata“ (das hindustische Weltgesetz, vgl. EM 05/2002, Eurasien, Kontinent der Religionen) 3. der Bardo der Wiedergeburt. Neben diesen dreien, das Sterben und den Nachtod-Zustand betreffenden Bardos gibt es drei weitere, die sich mit den Zuständen im Leben befassen: 4. Geburt, 5. Traum und 6.Trance. Damit ist der Kreislauf von Tod und Leben geschlossen.

Das „Tibetische Totenbuch“, buddhistisch „Bardo Thödol“, geht ursprünglich zurück auf Padmasambhava („Der aus dem Lotos Geborene“), dem Begründer des Buddhismus in Tibet. Der auch „Guru Rinpoche“ genannte Lehrer reiste um das 8. nachchristliche Jahrhundert auf Einladung des tibetischen Königs Trisong Deutsen nach Tibet. Padmasambhava blieb insgesamt 55 Jahre in Tibet, lehrte den Dharma und begründete auf diese Art den Buddhismus in Tibet.

Das „Totenbuch“ geriet nach seinem Tod in Vergessenheit. Erst im 14. Jahrhundert wurde es von dem Meditationsmeister Karma Lingpa wiederentdeckt. 1927 erschien es erstmals im Westen. Der Originaltitel „Die große Befreiung durch das Hören im Bardo“ macht deutlich, was der Kern dieser spirituellen Lehre ist: Laute und Klänge haben für Kommunikation und Erleuchtung im Buddhismus eine hohe Bedeutung. Die Texte werden traditionellerweise auch Sterbenden, von denen man weiß, daß sie bis zum letzten Atemzug ein sensibles Gehör haben, vorgelesen oder ins Ohr geflüstert.

Vor Hans Zender hatte schon Jean-Pierre Garattoni die Lehren des Totenbuches vertont. Bei ihm wurden sie in ganz eigene, meditative Töne umgesetzt. Sein Werk „Erkennen des klaren Lichts“ beginnt mit tibetischer Klostermusik, die tief unter die Haut geht. Das Donnern und Beben des zweiten Bardos wechselt sich dann ab mit sanftem Wiegen und getragenen Tönen. Zum Einsatz kommen Baß, Schlagzeug und Streicher, tibetische Mantras, Gongschläge, indische Flöten und die lautenähnliche Sitar.

Die Vertonung der Bardos aus dem Totenbuch soll den Lebenden auf klangliche Weise deutlich machen, daß es keine Sicherheit gibt, sondern daß sie selbst nur ein Zwischenzustand sind. Jean-Pierre Garattoni sagte in einem Gespräch mit der Zeitschrift „esotera“ (12/01): „Die Grundidee war, diese kostbaren Erkenntnisse den westlichen Menschen über das Medium Musik zugänglich zu machen.“ Er hat diese Idee in Zusammenarbeit mit dem Meditationslehrer Loten Dahortsang, der in einem tibetischen Exilkloster in der Schweiz lebt, eindrucksvoll verwirklicht.

Garattoni, Jahrgang 1950, hat in den 70er Jahren als Berufsmusiker begonnen und damals bei der Deutschrock-Band „Eulenspygel“ seine Karriere als Schlagzeuger gestartet. Heute lebt er auf einem Weiler in Baden-Württemberg und betreibt zusammen mit seiner Frau Li einen eigenen Musikverlag (www.incontro.de).

Hans Zender, Jahrgang 1936, hat einen Namen als Komponist und Dirigent klassischer Musik, unter anderem durch seine vielbeachteten Schubert-Aufführungen. 1997 wurde ihm der „Frankfurter Musikpreis“ verliehen. Jahrzehnte lang war er Chefdirigent an Opern- und Konzerthäusern. Seit 1988 ist er Professor für Komposition an der Frankfurter Musikhochschule.

In seinem Konzert „Bardo“ für Violoncello und Orchester hat Zender die beseligenden und schreckhaften Bilder vertont, die den Gestorbenen auf ihrem Weg in einem „Zwischenreich“ begegnen. Er erklärte dazu, daß ihn diese Totenbuch-Bilder bei der Komposition selbst stets begleitet hätten. Herausgekommen ist eine Musik von großer innerer Kraft und Energie. Die Zuhörer haben bei allen bisherigen Aufführungen auf diese ganz eigene Tonsprache Hans Zenders begeistert bis ergriffen reagiert.

Jean-Pierre Garattoni, Loten Dahortsang: „Erkennen des Klaren Lichts. 2 CDs. Wege zu den Bardo- Erfahrungen aus dem Tibetischen Totenbuch“.

Buch zur Einführung: Thurman, Fischer (Tb.), „Das Tibetische Totenbuch“ Frankfurt (2002); Sondereinband, Preis: EUR 9,90

Musik Religion

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