Golfstaaten bekommen ProblemeNAHOST

Glanz und Schatten am Arabischen Golf

Golfstaaten bekommen Probleme

Dubai bietet Superlative: das Burj Khalifa als höchsten (828 Meter) Wolkenkratzer, die Dubai Mall als weltgrößtes Einkaufszentrum und für Wohnen in Luxus pur die künstlich ins Meer gebaute Insel Palm Jumeirah. Der Glanz protziger Architektur und verschwenderischer Lebensstil beruhen auf Erdöl und billigen Arbeitsmigranten. Doch sinkende Ölexporteinnahmen und zunehmende Umweltbelastungen werfen Schatten auf die Zukunft reicher Golf-Emirate. 

Von Wilfried Arz | 14.02.2018

Der Kontrast zwischen menschenleeren Wüstengebieten im Landesinnern und den glitzernden Metropolen Dubai und Abu Dhabi an der Arabischen Golfküste ist krass. Zwei unterschiedliche Welten bestimmen auch die Bevölkerung von 9,2 Millionen (2016). Nur etwa 1,4 Millionen besitzen den Status privilegierter Staatsbürger als steuerbefreite Empfänger üppiger staatlicher Wohlfahrtsleistungen. Acht Millionen sind schlecht entlohnte und rechtlose Arbeitsmigranten als Dienstleistungsproletariat in einem der reichsten Länder in Nahost - zugewandert zu fast 60 Prozent aus Südasien. Die Golf-Emirate zerfallen sichtbar in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Emirate unter britischer Kontrolle

Noch im 19. Jahrhundert standen die erdölreichen Golf-Emirate im Schatten turbulenter politischer Entwicklungen in Nahost. Perlenfischerei und Piraterie bildeten die wirtschaftlichen Grundlagen der Küstenbevölkerung in Sharjah und Ras al-Khaimah. Deren Piratenüberfalle kollidierten rasch mit dem Indienhandel britischer Kaufleute. Jahrelange Konflikte wurden 1820 in einem Friedensvertrag mit Großbritannien beigelegt. Damit gerieten die Emirate unter koloniale Kontrolle der Briten. 1892 zementierte ein Protektoratsvertag endgültig britischen Einfluss in Wirtschaft und Politik.

Politische Unabhängigkeit

Nach Großbritanniens militärischem Rückzug aus dem Nahen Osten (1971) schlossen sich sieben Emirate an der Südküste des Arabischen Golfs   politisch zusammen: die drei großen Scheichtümer Abu Dhabi, Dubai und Sharjah mit den kleineren Emiraten Ajman, Fujairah, Ras al-Khaimah und Umm al-Quwain. Damit war auf der politischen Landkarte der Arabischen Halbinsel ein neuer Staat mit 83.6oo qkm Fläche entstanden: die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

Wirtschaftlicher Aufstieg durch Erdöl

Abu Dhabi rückte mit der Aufnahme seiner Erdölexporte 1962 frühzeitig in eine Führungsrolle unter allen arabischen Emiraten. Bereits kurz nach   Gründung der VAE (1971) setzte die Organisation ölexportierender Staaten (OPEC) eine starke Erhöhung der Erdölpreise am Weltmarkt durch (1973). Dies markierte den Beginn einer rasanten Transformation der Emirate.

Abu Dhabi und Dubai als Knotenpunkte

Mit der Kontrolle der Emirate über ihre eigene Erdölproduktion verloren britische Energiekonzerne Einfluss zugunsten von US-Firmen. Riesige Deviseneinnahmen flossen fortan in den Aufbau eines Staatsapparates und Aufträge an einheimische Unternehmen für die Schaffung einer modernen Infrastruktur. Abu Dhabi und Dubai entwickelten sich zu wirtschaflichen Knotenpunkten, die fortan allerdings miteinander konkurrieren sollten.

Unterschiedliches Profil der Emirate

Außenpolitisch treten die Vereinigten Arabischen Emirate geschlossen als politischer Akteur auf, doch bestehen untereinander erhebliche Unterschiede in ihrem Profil: in Fläche und Bevölkerung, Energievorkommen und Entwicklungsniveau. Abu Dhabi stellt allein 86 Prozent der Staatsfläche und 95 Prozent der Erdölförderung. Auch im Einkommen steht Abu Dhabi vor allen anderen Emiraten unangefochten an der Spitze. 

Abu Dhabi spielt Führungsrolle

In westlichen Leitmedien wird Dubai als glitzerndes Aushängeschild der Golf-Emirate in den Mittelpunkt gerückt. Neben Ressourcenreichtum rangiert Abu Dhabi auch bei der Finanzkraft klar als die Nummer eins. Auf politischer Ebene spielt das Emirat ebenso eine Führungsrolle: Abu Dhabi ist Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Position des Präsidenten der VAE wird seit 1971 stets von Abu Dhabi gestellt, der Premierminister von Dubai. Als Dubai 2010 ein Schuldenberg von 100 Milliarden US-Dollar drückte und eine geplatzte Immobilienblase desillusionierte Investoren an der Zukunft des Emirats zweifeln ließ, rettete Abu Dhabi mit einer Finanzspritze von 10 Milliarden US-Dollar seinen klammen Nachbarn Dubai vor dem drohenden Bankrott.

Zukunft jenseits von Erdöl

Unsichere Zukunftsperspektiven plagen arabische Golfstaaten seit Jahren. Mit sinkenden Ölpreisen schrumpfen Devisenreserven. Milliardenschwere  Staatsfonds stopfen defizitäre Haushalte. Geraten Entwicklungspläne und Wohlfahrtsleistungen in Schieflage? Seit Jahren rät der Internationale Währungsfond (IWF) zum Aufbau neuer tragfähiger Wirtschaftsstrukturen jenseits von Petrodollars. In Saudi-Arabien hat inzwischen ein Umdenken begonnen, in den VAE (vorerst) nicht: der Staatsfond von Abu Dhabi soll mit schätzungsweise rund 875 Milliarden US-Dollar prall gefüllt sein.

Zukunftsmodell Dubai?

Gern wird das Emirat Dubai als Beispiel gelobt, seine Abhängigkeit vom Erdöl erfolgreich reduziert und neue Wirtschaftssektoren aufgebaut zu haben. Als internationale Verkehrsdrehscheibe (2016: 83 Millionen Fluggäste und 16 Millionen Container), Tourismusdestination (15 Millionen Besucher) und Immobilienparadies verwandelte sich Dubai von einem Fischerdorf zu einer modernen, futuristisch anmutenden Metropole. Dubai ist eine   klimatisierte Retortenstadt der Superlative, deren DNA auf der rasanten Akkumulation von Kapital beruht - nicht immer transparenter Herkunft.

Tummelplatz für Kriminelle

Schattenseiten? Als Bankenzentrum dient Dubai auch Kriminellen aus aller Welt als Unterschlupf, die ihren illegal erworbenen Reichtum dort in luxuriösem Ambiente unbehelligt genießen können. Dubai gilt als Umschlagplatz für Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel. Zu den  Mafiabossen mit Wohnsitz in Dubai zählt Dawood Ibrahim - berüchtigter Unterwelt-Pate der 20 Millionen-Metropole Mumbai an Indiens Westküste.

Kein demokratischer Wandel

Soweit der wirtschaftliche Aspekt. Und politisch? Hier haben Dubai und  andere Golf-Emirate wenig zu bieten. Alle arabischen Golfstaaten werden von Herrscherfamilien autokratisch regiert - von Emiren und Sultanen im fortgeschrittenen Alter und mit fragiler Gesundheit. Druck besteht durch eine nachrückende Generation mit Führungsanspruch. Demokratischer Wandel ist nicht erkennbar. Politische Reformen werden konsequent blockiert. Hinter moderner Architektur verbergen sich konservative Monarchien ohne politische Parteien, freie Wahlen und Parlament, ohne unabhängige Justiz, Medien und Gewerkschaften. Ihre politische Legitimation beziehen arabische Autokraten aus üppigen Wohlfahrtsleistungen für die einheimische Bevölkerung (nicht für Arbeitsmigranten!). Kein Modell mit langfristig sicheren Perspektiven: wie lange noch Öleinnahmen auf hohem Niveau sprudeln werden, bewerten Prognosen unterschiedlich. Sicher ist: fossile Ölvorkommen sind endlich.

Eigene Energieversorgung: Sonnenenergie und Atomkraft

Zur Sicherung der eigenen Energieversorgung (derzeit Gas mit 70 Prozent, Öl zu 30 Prozent) nutzt Abu Dhabi bereits Sonnenenergie und lässt Südkorea vier Atomkraftwerke (5.600 Megawatt Leistung) bauen. Kosten von rund 20 Milliarden US-Dollar zahlt der Emir nur teilweise aus seiner Portokasse. Kredite auf dem Kapitalmarkt stellen die Finanzierung sicher.

Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln

Probleme bestehen auch bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln: nur knapp 5 Prozent der Staatsfläche sind landwirtschaftlich nutzbar. Deshalb muss der Nahrungsbedarf zu 80 Prozent durch Importe sichergestellt werden. Neben Saudi-Arabien, Kuwait und Katar pachten auch die Vereinigten Arabischen Emirate in Afrika (Sudan, Ägypten) Landflächen zur Produktion von Getreide und Reis, die direkt an den Golf geliefert wird. Alle arabischen Golf-Anrainer werden 2020 schätzungsweise insgesamt rund 50 Milliarden US-Dollar für Nahrungsmittelimporte ausgeben müssen.

Kapitalflucht in Steueroasen

Mit ihren Milliardenvermögen zählen arabische Golf-Autokraten zu den Megareichen der Welt. Finanzielle Sorgen sollten ihnen somit nicht den Schlaf rauben. Doch berichteten 2016 die “Panama-Papiere” von Herrschern in Abu Dhabi und Katar, die hohe Geldsummen in Steueroasen der Karibik (den britischen Jungferninseln) deponieren. Die Antwort könnte im Jahr 1991 liegen. Damals stand Abu Dhabi im Zentrum des Zusammenbruchs der BCCI-Bank, einem Sammelbecken von Schwarzgeldern und Transaktionen für Geldwäsche aus aller Welt. Abu Dhabis Herrscherfamilie hielt 75 Prozent BCCI-Anteile und beklagte sechs Milliarden US-Dollar Verlust.

Golfstaaten rüsten militärisch auf

Neben der Deponierung von Vermögen im Ausland rüsten arabische Golf-Autokraten zur Stabilisierung ihrer Herrschaft seit Jahren militärisch kräftig auf. Seit den arabischen Aufständen 2011 (“Arabischer Frühling”) haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Militärausgaben verdoppelt (2016: 23 Milliarden US-Dollar). Als Unruhen in Bahrain die Al Khalifa-Herrscherfamilie politisch zu entmachten drohten, schickte Saudi-Arabien kurzerhand Panzer, die Vereinigten Arabischen Emirate Polizeikräfte ins benachbarte Emirat, um den Sturz ihres autokratischen Berufskollegen zu verhindern. In Libyen beteiligten sich die VAE mit eigenen Kampfjets an der Durchsetzung der Flugverbotszonen und waren im jemenitischen Bürgerkrieg neben Saudi-Arabien vorübergehend militärisch verstrickt.

Wachstum auf Kosten der Umwelt

Das rasante Wachstum am Arabischen Golf fordert seinen Tribut. Hinter glitzernden Fassaden klimatisierter Hochhäuser und Einkaufszentren verbergen sich immense Umweltkosten. Erdölraffinerien und Industriekomplexe belasten Küstengewässer, riesige Entsalzungsanlagen für die Bereitstellung von Süßwasser produzieren hohen Kohlendioxid-Ausstoß. Die Ökologie des Golfes (Korallenriffe, Mangrovensümpfe, Fischvorkommen) wird durch Erdölförderanlagen, Entsorgungen durch Öltanker und ungeklärte Einleitungen der Metropolen Dubai und Abu Dhabi belastet. Probleme auch bei der Luftqualität: die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet von hoher Schadstoffbelastung, die in  beiden Metropolen monatelang deutlich über dem als gesundheitlich noch “verträglich” definierten Niveau liegt.

Neuer Lebenswandel macht krank

Das Wachstum wurde am Arabischen Golf von einem früher nicht gekannten Lebenswandel und veränderten Ernährungsgewohnheiten begleitet und hat neue Krankheiten gefördert: 25 Prozent der einheimischen Bevölkerung der VAE leiden heute an Diabetes (weltweit liegt der Durchschnittswert bei rund 5 Prozent), dicht gefolgt von Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien. 30 Prozent aller Todesfälle werden durch Herzkreislauf-Erkrankungen verursacht. Die Zahl deutlich übergewichtiger und fettleibiger Bewohner liegt in allen arabischen Golfstaaten ebenfalls hoch.

Auf Sand gebaut

Zurück auf den Boden der Tatsachen: Glänzende Fassaden von Dubai und Abu Dhabi mögen staunenden Besuchern den Atem verschlagen, doch der gigantische Bauboom der Golf-Emirate wurde auf den Schultern billiger ausländischer Arbeitsmigranten und - auf Wüstensand gebaut. Fossile Ölvorkommen gelten (nicht nur) im Nahen Osten als endlich. Ölreichtum als Fata Morgana eines zeitlich befristeten Luxus? Was die Zukunft für die arabischen Golf-Emirate bringt, ist offen. Was sicher bleiben wird: viel Sand. 

Inzwischen rückt Sand als Projektionsfläche in den Fokus moderner Kunst. Der amerikanische Künstler Christo (in Deutschland spätestens bekannt durch die Verhüllung des Reichstags in Berlin) plant in der Wüste von Abu Dhabi den Bau einer 150 Meter hohen Pyramide mit einem flachen Dach, zusammengesetzt aus über 400.000 buntbemalten, leeren Ölfässern. Ein kolossales Kunstwerk mit vortrefflicher Symbolkraft.

Wilfried Arz ist Politikwissenschaftler in Bangkok/Thailand.

Golfstaaten Wirtschaft Arabien

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

  1. Neue Hintergründe: Darum annektierte Putin die Krim
  2. Kurden - Geschichte, Kultur und Hintergründe
  3. Die Perser - Geschichte und Kultur
  4. Walenki - Russische Filzstiefel sind ideal bei bitterer Kälte
  5. Chinesische Frauen: Erotisch, anschmiegsam und sehr erfolgreich

Eurasien-Ticker