Kooperationen von Tech-Unternehmen und HochschulenWIRTSCHAFT

Kooperationen von Tech-Unternehmen und Hochschulen - Eine Investition in die Zukunft

Kooperationen von Tech-Unternehmen und Hochschulen

Börsennotierten Unternehmen sagt man gerne nach, den Shareholder Value vor die Zukunftsfähigkeit zu stellen. Doch ist das in der heutigen Zeit überhaupt möglich?

Von EM Redaktion | 16.02.2019

Börsennotierten Unternehmen sagt man gerne nach, den Shareholder Value vor die Zukunftsfähigkeit zu stellen. Doch ist das in der heutigen Zeit überhaupt möglich? Wie meistern moderne Technologieunternehmen in Deutschland im Vergleich zu den größten Technologieunternehmen der Welt diesen Konflikt zwischen den verschiedenen Interessen und der Zukunftsfähigkeit? In diesem Zusammenhang befassen wir uns auch mit der Frage, wie Unternehmen von Kooperationen mit Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen profitieren. Die Erkenntnisse unserer Recherche haben wir hier für Sie zusammengefasst. Wir erklären, warum Zukunftsinvestitionen für Tech-Unternehmen an der Börse heute eine Selbstverständlichkeit sind und sein müssen.

Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen

Insbesondere in wissenschaftlich geprägten Studiengängen an Universitäten gibt es im Vergleich zu Fachhochschulen und Berufsakademien ein Problem: Die Studiengänge sind häufig sehr theorielastig, die Abgänger häufig kaum auf Wirtschaft und Praxis vorbereitet – so zumindest die weitläufige Meinung.

Doch die Zeiten ändern sich. Immer mehr Unternehmen gehen Kooperationen mit Hochschulen ein, fördern Projekte und zeigen Studierenden auf diesem Weg nicht nur Praxisrelevanz, sondern profitieren im Gegenzug von innovativen Ideen. Die Vorteile solcher Kooperationen sind vielseitig, doch auch die Schattenseiten sollten nicht übersehen werden.

Gründe der Zusammenarbeit

Die Digitalisierung macht alles schneller, dynamischer und unvorhersehbarer. Der Markt verändert sich so schnell, dass es kaum ein Technologieunternehmen noch wagt, einen 5-Jahres-Plan aufzustellen. Exponentielles Wachstum und Plattformökonomie heißen hier die Schlüsselwörter. Wer in einem sich rasant verändernden Markt konkurrenzfähig bleiben will, hat zwei Möglichkeiten:

Selbst agil zu sein und mit innovativen Ideen und Arbeitsweisen die eigene Marktstellung voranzutreiben

oder

Innovation einzukaufen. Dies geschieht mitunter über den Zukauf exponentiell wachsender Unternehmen, insbesondere Start-Ups.

Eine dritte Möglichkeit stellt gewissermaßen den Mittelweg zwischen beiden Wegen dar: die Kooperation mit Hochschulen. Hierbei geht es mitunter um viel Geld, welches in Universitäten und Hochschulen investiert wird, um Projekte zu unterstützen und Forschung voranzutreiben. Im Gegenzug profitieren die Unternehmen von der Aneignung neuer Erkenntnisse sowie neuen Wissens und sind gleichzeitig in der Lage, Spezialisierungsvorteile abzuschöpfen, bevor es die Konkurrenzmacht. Dies kann Entwicklungszeiten verkürzen, Unternehmen agiler machen und dabei gleichzeitig das eigene Risiko reduzieren, innovative Entwicklungen mit ungewissem Nutzen voranzutreiben.

Solche Kooperationen werden auch von Investoren und Shareholdern gerne gesehen und führen im Erfolgsfall fast immer zu positiven Kursveränderungen börsennotierter Unternehmen. Nicht umsonst schauen auch Broker, die ein CFD-Konto anbieten, bei der Abschätzung der Zukunftsfähigkeit von Unternehmen auf vorhandene Kooperationen im Bereich Forschung und Entwicklung, bevor sie mit Unternehmens CFDs handeln oder andere Spekulationskäufe tätigen.
Gleichzeitig profitieren die Hochschulen von einer frühen Einbeziehung der Unternehmen in die Lehre, was wiederum Studierende näher an die Wirtschaft und potentielle Arbeitgeber heranführt. Außerdem wird über die Spezialisierung eine Fokussierung der Studienziele auf die aktuellen und sich ständig wandelnden technologischen Herausforderungen gefördert.

Mögliche Probleme und Risiken

Soweit so gut, es klingt nach einer Win-Win-Situation für beide Seiten. Jedoch gibt es auch kritische Aspekte dieser Kooperationen. So darf man etwa nicht unterschätzen, dass Lernziele und Strategien der Unternehmen auch gegenseitig und insbesondere auf unterschiedlichen Zeitskalen verlaufen können. Zudem findet in vielen Fällen ein unkontrollierter Abfluss von Fachwissen und technologischen Kompetenzen aus den Universitäten und Hochschulen statt, von welchen in erster Instanz die kapitalgebenden Unternehmen profitieren.

Es stellt sich zudem die Frage, ob und in wieweit solche Kooperationen im Gegensatz zum Artikel 5 des Grundgesetzes stehen, welcher besagt, dass Forschung und Lehre in Deutschland frei und unabhängig sein müssen. Wie frei kann eine Hochschule sein, wenn deren Forschung zu großen Teilen von Unternehmen finanziert wird?

Unabhängigkeit vs. Konkurrenzfähigkeit

Deutsche Hochschulen müssen - wie auch Unternehmen - im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben. Die staatlichen Mittel reichen hierfür aber bei Weitem nicht aus, sodass Hochschulen auf jede zusätzliche Unterstützung und Förderung angewiesen sind, um sich gegen die Top-Hochschulen dieser Welt behaupten zu können. Es mag zwar zu einem gewissen Grad zur Folge haben, dass die Unabhängigkeit und Freiheit der Forschungseinrichtung darunter leidet, letztendlich sind aber Investitionen von Unternehmen schon lange ein wesentlicher Teil der Bildungsfinanzierung. Es ist lediglich so, dass die Öffentlichkeit davon nur in Ausnahmefällen etwas mitbekommt. So erregt es laut Bericht in der Zeit erst dann öffentliche Interesse, wenn Lidl-Gründer Dieter Schwarz einer Hochschule wie der TU München 20 Professuren schenkt oder der SAP-Mitgründer Hasso Plattner der Universität Potsdam gar eine komplette Fakultät überlässt.

Laut Statistischem Bundesamt investieren Unternehmen jährlich über 1,4 Milliarden Euro in die Forschung an Hochschulen. Damit bleibt die Frage, mit welchen Drittmitteln Projekte und Institute an der Hochschule finanziert werden, zum Großteil im Geheimen. Dies spiegelt sich auch darin wieder, dass nur 27% der Universitäten auf die Anfrage der Zeit überhaupt reagierten. Die Erkundigung nach der Anzahl der derzeitigen Industriepromotionen an der Universität beantworteten ganz und gar nur 10% der Hochschulen.

An dieser Stelle darf man auch nicht vergessen, dass es Universitäten aufgrund fehlender Festland-europäischer Standards schwer haben, mit den großen Hochschulen Nordamerikas und auch Großbritanniens zu konkurrieren.

Beispiele für erfolgreiche Kooperationen mit deutschen Hochschulen

Dies ändert nichts daran, dass es ohne Kooperation weder für viele Unternehmen noch für Hochschulen überhaupt möglich wäre, konkurrenzfähig zu bleiben. Die vielen positiven Beispiele erfolgreicher Kooperationen zeigen zudem, dass die Zusammenarbeit sowohl den Studierenden als auch den Unternehmen Vorteile bringt, welche dabei helfen können, den Technologiestandort Deutschland weiterhin auf hohem Niveau zu halten.

Schaut man sich beispielsweise das Projekt von Rolls-Royce an der Cottbuser Hochschule im Rolls-Royce University Technology Centre an, wird schnell deutlich, wie die Mittel des Triebwerkherstellers dazu beitragen, den Ausbildungsstandard auf einem hohen und aktuellen Niveau zu halten. Wenn es um die Entwicklung von Triebwerken der Zukunft geht, spielen Virtual Reality und Forschung im Bereich der KI heute eine essentielle Rolle. Nicht umsonst ist Rolls-Roys laut Merkur.de weltweit 31 Forschungskooperationen eingegangen. Ohne diese müsste sich das Traditionsunternehmen in absehbarer Zeit der Konkurrenz aus dem Digitalsektor geschlagen geben, so wie es die klassische Automobilindustrie musste, als Google eigene Elektrofahrzeuge und Uber einen eigenen Fahrdienst hervorbrachten. Apropos Google:
Erst im Februar 2018 verkündeten die TU München und Google mit Stolz die neu eingegangene Kooperation im Rahmen einer langfristigen Partnerschaft. Mit 250.000 Euro über drei Jahre unterstützt Google die technische Universität direkt in Form von Finanzierungen, Materialien und Personal, um die Hochschule wettbewerbsfähig zu halten. Gleichzeitig hilft die Zusammenarbeit Google dabei, von Innovationen im Bereich der Robotik und des autonomen Fahrens aus dem - so Google - 'Mutterland der Industrie' zu profitieren. Die TU München hält jährlich rund 1.000 Forschungsverträge mit Unternehmen und lässt sich derzeit für rund 20 Millionen Euro Professuren finanzieren. Google ist entsprechend nur ein kleiner Teil davon. Nur so konnte sich die TUM zur international vielleicht renommiertesten Forschungs-Universität Deutschlands entwickeln.
Wie groß der Konkurrenzdruck der staatlichen Universitäten ist, zeigt sich auch am Beispiel der privaten Fachhochschule Code-University von Gründer Thomas Bachem. Die Institution hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Themen zum Coding-Komplex wie Informatik und Programmierung so praxisnah wie möglich zu unterrichten. Dabei erhält die Universität prominente Unterstützung und konnte bereits zur Gründung ein Kapital in Höhe von 5 Millionen Euro von namhaften Unternehmern wie Rolf Schrömgens von Trivago einsammeln. Die Zusammenarbeit mit großen Tech-Unternehmen wie Zalando ist laut Welt.de ein Kern-Bestandteil der Idee hinter der privaten Hochschule.

Dieser Trend ist aber keineswegs ein deutsches Phänomen. Europaweit nimmt die Zahl der Kooperationsverträge zwischen Unternehmen und Hochschulen immer weiter zu. Letztendlich geht es nicht mehr um die Frage, ob Universitäten eigenständig sind, sondern vielmehr darum, was ihre Aufgabe in einer sich immer schneller verändernden Welt ist.

Quelle: IG

Von Übernahmen und eigenen Innovationen

Weltweit spielen für Unternehmen Übernahmen und Kooperationen eine entscheidende Rolle, um die eigene Marktstellung zu stärken und zu festigen. Insbesondere im Rahmen der Digitalisierung haben Übernahmen von hoch innovativen und agilen Unternehmen eine vorherrschende Stellung in der eigenen Festigung der Marktstellung eingenommen. Man denke nur an die 2006 utopisch klingende Übernahme von Youtube durch Google für 1,65 Mrd. US-Dollar. Dass sich diese Übernahme für Google mehr als ausgezahlt hat, ist heute klar. 

Quelle: IG

Doch auch deutsche Technologie-Unternehmen sind hiervon beeinflusst. Laut des Finance Magazins gehören deutsche Tech-Unternehmen zu den Favoriten großer Private-Equity-Investoren, sodass es geradezu einen Lauf auf deutsche Technologiespezialisten durch ausländische Investoren gibt. Zwar waren die größten Tech-Deals 2016 noch eher Minderheitsbeteiligungen, wie beispielsweise der Einstieg von ASML in die Carl-Zeiss-Tochter SMT für 1 Mrd. Euro oder der 33,3-prozentige Einstieg von Warburg Pincus in der Business-Applications-Sparte von United Internet für rund 500 Mio. Euro. Damit blieben die deutschen Unternehmen Haupt-Gesellschafter. Der Trend ist aber unaufhaltbar und spiegelt die Kooperation mit Universitäten wieder: Denn auch diese Form der Investition trägt wesentlich zum hohen Innovationsstand der Tech-Unternehmen weltweit bei.

Das Beispiel Rocket Internet

Die Tendenz, die eigene Marktposition durch Beteiligungen und Kooperationen zu stärken, ist auch bei einem der größten neu gegründeten deutschen Tech-Unternehmen deutlich sichtbar. Rocket Internet verdiente ursprünglich sein Geld mit dem Gründen von Start-Ups und dem anschließenden Verkauf mit großem Gewinn. Vermehrt hat sich die Unternehmensaktivität nun in Richtung Start-Up-Investortätigkeit verschoben. 2014 ging das Unternehmen an die Börse, heute notiert es einen Börsenwert jenseits der 4 Milliarden Euro. Dies zeigt eindrucksvoll, dass selbst agile Unternehmen enorm davon profitieren können, in externe Innovationskraft zu investieren.

Die GAFAs dieser Welt schreiten voran

Wie bereits angesprochen, machen es die Top-5 Tech-Unternehmen der Welt vor. Die sogenannten GAFA-Unternehmen (Google, Apple, Facebook und Amazon) investieren seit Jahren in die Kooperation mit Hochschulen und scheuen gleichzeitig auch keine Übernahmen innovativer Tech-Unternehmen aus der ganzen Welt. Vorreiter ist Google, wie folgend eindrucksvoll zu erkennen ist.

Quelle: IG

Durch die konsequente Übernahme- und Kooperationspolitik hat jedes einzelne dieser Unternehmen heute einen höheren Börsenwert als der gesamte DAX-30. Dies bestätigt, wie wichtig die enge Zusammenarbeit mit Hochschulen und das konsequente Beibehalten einer hohen Innovationsfähigkeit – gegebenenfalls auch durch die Übernahme innovationsfreudiger Unternehmen – in der heutigen Plattformökonomie ist. Denn die vorherrschende Stellung dieser fünf weltweit größten Unternehmen lässt sich mittelfristig weder aufhalten noch bremsen. Große deutsche Technologie-Unternehmen wie Zalando haben daher langfristig nur die Möglichkeit, ebenfalls in Forschung und Entwicklung zu investieren, um dem hohen Wettbewerbsdruck standhalten und erfolgreich am Markt agieren zu können. Von den klassischen Unternehmen mit zunehmendem Fokus auf die Digitalkompetenzen ganz zu schweigen. Ohne Kooperationen und Übernahmen werden die Mercedes und BMWs von morgen in einem digitalisierten Markt kaum bestehen können.

Fazit

Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen haben nicht per se etwas Schlechtes oder Anrüchiges. Ohne die privaten Gelder ist es schlichtweg nicht mehr möglich, als Hochschule international konkurrenzfähig zu bleiben und mit der rasanten Entwicklung schritthalten zu können. Ein Lehrbuch von heute ist morgen nicht mehr aktuell und es wird eine immer größere Bedeutung für Hochschulen haben, direkt am Puls der Zeit agieren und entsprechende Projekte anbieten zu können. Die Tech-Unternehmen von heute gestalten die Zukunft und unser Leben von morgen. Wer hier nicht passiver Zuschauer bleiben, sondern aktiver Gestalter werden will, muss sich über Kurz oder Lang damit anfreunden, dass mit den hoch-innovativen Unternehmen dieser Welt zusammengearbeitet werden muss. Nur so können Synergien entstehen, von welchen deutsche Hochschulen, Studierende und Tech-Unternehmen gleichermaßen profitieren. Inwieweit gesetzliche Regularien greifen müssen, um die Freiheit und Unabhängigkeit der Hochschulen zu wahren, ist dabei eine gänzlich andere Frage, obgleich in der heutigen Zeit wohl eher eine moralische.

Wirtschaft

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