Nikolaus Rauschebart und Knecht Ruprecht stammen aus der Türkei

Von drauß' vom Walde komm ich her…

Nikolaus Rauschebart und Knecht Ruprecht stammen aus der Türkei

Wer da aus dem Winterwalde zu den Menschen kommt, das wissen die meisten im Westen Eurasiens: der Nikolaus. Aber woher kommt er? Bayerische und österreichische Kinder wurden wohl meinen, der Rauschebart und sein Helfer Knecht Ruprecht lebten zusammen in den Wäldern des Alpenvorlandes. Vielleicht macht er hier gelegentlich Station. Doch eigentlich stammt der Nikolaus von der Mittelmeerkuste der heutigen Turkei. Dort in der antiken Stadt Myra, 120 Kilometer sudwestlich von Antalya, wurde der Heilige Nikolaus einst zum Bischof gewählt. Ulfrid Kleinert erzählt in seinem Vortrag, den er vergangenes Jahr im sächsischen Radebeul-Kötzschenbroda gehalten hat, die Geschichte dieses Ausländers aus einem Nicht-EU-Staat, der am 6. Dezember so gefeiert wird.

Von Ulfried Kleinert

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Der Autor im traditionellen Ornat des Heiligen Nikolaus 

EM – Ich danke Ihnen für Ihre Einladung. Sie ist - genau betrachtet - etwas ganz Außergewöhnliches. Sie geben sich damit zu erkennen als Teil einer Minderheit in Ihrem Land. Schon heute verdienen Sie deshalb den Courage-Preis, der doch erst im nächsten Jahr von Ihrer Stadt ausgeschrieben werden soll.

Denn einen Ausländer wie mich einzuladen ist alles andere als selbstverständlich. Ich bin inzwischen ein alter Mann, und meine Heimat liegt weit weg von hier im Süd-Osten des Erdteils. Ich komme aus einem Land, das in der Europäischen Union nichts zu suchen hat; so beschloss es jedenfalls ein Parteitag in Bayern. Und vor ziemlich genau zehn Jahren hat es damit angefangen, dass Landsleute von mir in Ihrem Land umgebracht wurden; ihr Haus in Mölln wurde kurzerhand in Brand gesteckt. Sie waren eine Generation vorher als Gäste gekommen und dann als Ihre Mitbürger geblieben.

Sie hier in Deutschland haben viele Lieder über mich und für mich geschrieben. In einem heißt es: „von drauß' vom Walde komm ich her“. Nun, ich selbst komme heute vom Rand der Dresdner Heide. Dort steht seit zwei Jahren ein großes Gefängnis. In ihm sind z.B. zwanzig Menschen aus meiner Heimat und aus uns benachbarten Ländern eingesperrt. Sie warten auf ihre Abschiebung. Ihre einzige Straftat ist, dass sie hierher gekommen sind, weil sie zu Hause verfolgt wurden oder einfach nichts mehr zu essen hatten.

Kurzum: wenn ich so sehe, wie es manchen meiner Landsleute hier geht, dann weiß ich es sehr zu schätzen, dass Sie mich zu sich eingeladen haben und ich nun frei zu Ihnen sprechen kann.

Ein Fremder bin ich für Sie, und ich werde es auch bleiben. Aber wir können uns heute begegnen. Wir können uns ein wenig kennen lernen.

Sie kennen das dicke heilige Buch, das uns verbindet. Es wird - zuerst in meinem Land, dann auch in Ihrem - seit vielen Jahrhunderten gelesen. In diesem Buch steht: wo sich Fremde begegnen, begegnet uns Gott. Möge dieser Gedanke also jetzt unter uns sein.

Wenn man einen Besuch macht, überlegt man sich meistens zuvor: Was ziehe ich an? Wie kleide ich mich richtig? So habe auch ich über meine Garderobe für heute Abend nachgedacht. Mein eigenes Amtskleid habe ich nicht mitgebracht. Es war mir für die lange Reise aus der Türkei hierher zu schwer. Ohnehin hat es mich in meinen letzten Amtsjahren mehr bedrückt als beflügelt. Und so wäre ich jetzt am liebsten als der gekommen, der ich eigentlich bin: ein Bürger wie Sie. In meiner Heimatstadt Myra habe ich die meiste Zeit nicht anders gelebt als viele von Ihnen. Ich war und bin wie die meisten Einwohner hier ein bisschen gebildet und ein bisschen begütert. Dass ich schließlich zum Bischof gewählt wurde, lag wohl allein daran, dass ich meine Augen und Ohren und mein Herz nicht verschlossen habe vor dem, was um mich herum geschah. Auch dies wird mich vermutlich mit Ihnen verbinden.

Wenn ich nun trotzdem keinen Anzug trage wie Sie, sondern einen Ornat übergezogen habe, so tue ich dies einerseits aus Höflichkeit und andererseits aus Protest.

Ich will das gern erklären. Höflich möchte ich sein, weil in Ihrer Einladung mitschwang, dass ich doch bitte nicht als gewöhnlicher Mensch erscheinen möge. Man wollte schon einen besonderen Gast zu solch festlichem Abend am 6. Dezember.

Protestieren möchte ich mit meinem Ornat wegen meines falschen Vetters. Er tritt hier zu Lande als Weihnachtsmann auf und trägt meist einen roten Mantel mit weißem Pelzrand. Ihn gibt es allerdings erst seit einigen Jahrzehnten, mich hingegen seit Jahrhunderten. Mein rot-weißer Vetter wurde nach noch unbestätigten Meldungen in den Marketingbüros eines großen Getränkekonzerns erfunden. Der Konzern wirbt für sein braunes Gesöff in den Farben, die er dem Weihnachtsmann gab. Ich halte es schon für eine geniale Idee, so im Unterbewussten das Trinken einer Cola mit den Gefühlen von Weihnachten zu verbinden. Aber ich spiele da nicht mit und ziehe in diesem Fall mein altes Bischofsgewand vor.

Aus Höflichkeit und aus Protest trage ich also heute meine Garderobe. Sie hat ein freundlich gesonnener Bürger genäht.

Sie erwarten von Ihrem Gast nicht nur eine angemessene Garderobe, sondern heute Abend zu Recht auch Geschenke. Was also habe ich Ihnen mitgebracht? In Ihrer Einladung hieß es: „Schenke mit Geist, ohne List, sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist.“

So bringe ich Ihnen also etwas von mir selbst mit. Es sind genau genommen drei Geschenke, die ich vor Ihnen ausbreiten und mit denen ich Sie erfreuen möchte. Ich bringe Ihnen mit:

1. meine Geschichte
2. einige meiner Geschichten,
3. meinen Namen.

Ich schenke Ihnen also zuerst meine Geschichte.

Meine Geschichte

Woher ich komme, wissen Sie ja schon. Myra ist ein schönes Städtchen im Süden der Türkei, direkt am Mittelmeer gelegen. Einst war es eine bedeutende Hafen- und Handelsstadt. Von der schönen alten Kirche, die man dort zu meinen Ehren gebaut hat, ist leider nur eine gewaltige Ruine übrig geblieben. Aber dafür gibt es jetzt in vielen, vielen anderen Hafen- und Handelsstädten in aller Welt gut erhaltene oder restaurierte oder neu errichtete Kirchenbauten, die sich nach mir nennen. In Leipzig zum Beispiel finden dort jeden Montag wie vor, so auch nach der Wende Friedensgebete statt.

Woher ich komme, wissen Sie schon. Aber wie alt ich bin, werden nur wenige von Ihnen ahnen - zumal diese Frage ohnehin nicht leicht zu beantworten ist. Genau genommen habe ich nämlich drei verschiedene Geburtsjahre.

Zuerst wurde ich vor etwa 1700 Jahren, also Anfang des 4. Jahrhunderts, geboren. Damals war der christliche Glaube von der Staatsmacht nicht akzeptiert. Schon darum erhielten viele Menschen in dieser Zeit wie ich bei ihrer Taufe den Namen Nikolaus. Doch davon später.

Als ich erwachsen war, hatte sich der Wind gedreht. Der römische Kaiser gab es auf, Menschen meines Glaubens zu verfolgen und zu benachteiligen. Er wurde kurz vor seinem Tod selbst Christ. Zu der Zeit war ich Bischof von Myra.

Mein zweiter Geburtstag fand etwa zweihundert Jahre später statt. Wieder hieß ich Nikolaus. Ich wurde aber nicht in, sondern in der Nähe von Myra geboren - und später nicht Bischof von Lykiens Hauptstadt, sondern Abt eines benachbarten Klosters in Sion.

Meine dritte Geburt spielt wieder gut zweihundert Jahre später. In den Erzählungen des Volkes vermischten sich nämlich die Berichte über den Nikolaus des 4. und den des 6. Jahrhunderts. Und es entstand Nikolaus der große Heilige. Als der werde ich heute vor allem in der orthodoxen Kirche im Osten und im Süden verehrt. Aber auch in der West-Kirche Roms und bei Protestanten, ja sogar bei manchen Atheisten genieße ich hohes Ansehen. Nach mir nennen sich Kirchen, Straßen und Plätze, werden Männer und Frauen gerufen: Nikolaus, Niklas, Klaus und Nicolai; Nicole und Nicola usw. usf.

Geschichten über den Nikolaus

Was aber nun hat mich so berühmt gemacht? Weshalb wählte man mich zum Bischof von Myra, zum Abt von Sion und zu einem der größten Heiligen?

Beispielhaft möchte ich Ihnen drei Geschichten dazu erzählen. An diesen Geschichten kann man erkennen, wie - im wahrsten Sinn des Wortes - verrückt das ist, was andere in letzter Zeit aus mir zu machen versuchen, nämlich einen Moralapostel für Kinder und einen Lockvogel für Weihnachtseinkäufer.

Die erste Geschichte erscheint auch mir bis heute als ein Wunder. Ich hatte in Myra drei römische Feldherren kennen gelernt. Ein Sturm hatte ihr Schiff in unseren Hafen verschlagen. Mit ihren Truppen sollten sie nach Phrygien marschieren, um dort Aufständische zu besiegen. Ich lud die drei „zu Tisch, denn ich wollte hindern, dass ihr Kriegsvolk auf den Märkten Raub täte, wie es solches Volkes Gewohnheit ist“ (Zitate aus: „Die legenda aurea des Jacobus de Voragine“, lateinisch geschrieben zwischen 1263 und 1273). Später entließ ich sie im Segen; der Konflikt mit den Phrygiern wurde „ohne Blutvergießen“ überwunden.

Als die drei Feldherren an den kaiserlichen Hof zurückkamen, wurden sie von missgünstigen und kriegslüsternen Männern verleumdet. Man klagte sie an, sie hätten mit den Feinden Roms gemeinsame Sache gemacht und die kaiserliche Gewalt verachtet. Kaiser Konstantin ließ „sie in einen Kerker beschließen und (er) gebot, dass man sie ohne Verhör in derselben Nacht töten sollte“.

Im Kerker haben die drei sich an mich erinnert und mich betend als ihren Zeugen und zu ihrem Schutz angerufen. Was danach geschah, hat später der Verfasser der mittelalterlichen „legenda aurea“ beschrieben. Erlauben Sie mir, ihn zu zitieren, auch wenn er von mir natürlich in der dritten Person spricht und er mich schon leicht verklärt darstellt. Es heißt an dieser Stelle in der legenda aurea:

„In derselben Nacht erschien St. Nikolaus dem Kaiser Konstantin im Traum und sprach: ,Warum hast du die drei Feldherrn gefangen und hast sie ohne Ursach in den Tod verdammt? Stehe bald auf und befiehl, dass man sie ledig lasse. Tust du das nicht, so wisse, ich werde Gott bitten, dass er einen Krieg wider dich aufrege, in welchem du umkommst . . . ' Sprach der Kaiser: ,Wer bist du, dass du des Nachts in meinen Palast bist kommen und also hohe Worte redest wider mich?' Antwortete St. Nikolaus und sprach: ,Ich bin Nikolaus, ein Bischof zu Myra in der Stadt.' . . . Da sandte der Kaiser alsbald nach den Gefangenen, und sprach zu ihnen: ,Mit welcher Zauberei habt ihr es vollbracht, dass ihr uns also mit Träumen habt betrogen?' Sie antworteten und sprachen: ,Wir sind keine Zauberer und haben auch nicht den Tod verschuldet.' Sprach der Kaiser: ,Kennt ihr einen Menschen, der Nikolaus ist geheißen?' Da sie den Namen hörten, huben sie ihre Hände auf gen Himmel und beteten, dass Gott um St. Nikolaus willen sie wolle erlösen von dem gegenwärtigen Tode. Und sagten dem Kaiser von des Heiligen Leben und Wunderwerken. Da sprach der Kaiser: ,Gehet hin und lobet Gott, der euch wunderbar erlöst hat um das Verdienst seines Heiligen. Und bringt ihm von mir Geschenke und bittet ihn, dass er hinfort nicht drohe, sondern Gott für mich und mein Reich bitte.'“

So weit das, was die „legenda aurea“ von mir erzählt. Tatsächlich weiß ich nicht, wie es dazu kam, dass ich dem Kaiser im Traum erschien. Aber dass ich seither als Schutzpatron der Gefangenen gelte und ihnen in Schuld und Unschuld beizustehen versuche, gefällt mir sehr. Zu allen Zeiten haben unschuldig Angeklagte und Verurteilte, aber auch andere Gefangene Zuflucht bei mir gesucht.

Das hat offensichtlich auch Richter beeindruckt. Denn auch sie ernannten mich zu ihrem Heiligen, weil sie niemand zu Unrecht verurteilen wollen. Ich wünschte mir manchmal, es gelänge ihnen besser und sie würden auch mehr danach sehen, dass niemand zu seinem Schaden ins Gefängnis gelangt.

Die (erste) Geschichte mit dem Wunder meiner Erscheinung im Traum des Kaisers zu der Zeit, in der ich als Bischof in Myra lebte, hat dazu geführt, dass man mich heilig sprach. Die zweite Geschichte aber, die ich nun erzählen möchte, hat mich berühmt und bei fast allen Leuten beliebt gemacht. Sicher kennen sie einige unter Ihnen.

Von den drei goldenen Kugeln

Dieser Geschichte wegen ist mein Gedenktag in die Vorweihnachtszeit, auf den 6. Dezember geraten. Dieser Tag ist nämlich eine kleine Vorwegnahme des großen Festes. Christen kennen das auch beim Osterfest: da wird eine Woche vor dem großen Auferstehungsereignis in jedem Frühjahr mit Palmenzweigen der Sonntag Palmarum gefeiert. Genauso feiern wir in jedem Winter seit über tausend Jahren 18 Tage vor dem Heiligen Abend den Nikolaus-Abend - und zwar mit heimlichen Geschenken. Sie sind ein kleiner Vorgeschmack für das große und gar nicht mehr heimliche Geschenk von Weihnachten, der Geburt Jesu Christi.

Wie kam es nun dazu? Das begann in meiner Jugend. Ich war damals ein neugieriger junger Mann, und das Leben lag vor mir. In meiner Stadt gab es wie fast überall auch Reiche und Arme; Menschen, die im Überfluss lebten und andere, denen es elend und dreckig ging. In einem Haus, das früher einmal ganz schön gewesen sein muss, aber an dem jetzt der Putz von den Wänden bröckelte, lebte ein verarmter allein erziehender Vater mit seinen drei Töchtern. Ihr Lebensweg schien vorgezeichnet - so wie heute in manchen Familien östlich der sächsischen Landesgrenze.

Die Töchter waren jung und einigermaßen ansehnlich geraten. Vielleicht würden sie durch Prostitution etwas Geld für die Familie und für ihre eigene Zukunft verdienen können. Wo würde ihr Weg enden?

Mir selbst ging es damals finanziell ziemlich gut. Ich hatte eine Erbschaft gemacht. Es reizte mich, der Familie heimlich zu helfen. Da war so eine Mischung aus Freude daran, etwas zu bewirken und Gutes zu tun, und aus listigem Vergnügen, andere zu überraschen und ein bisschen verstecken zu spielen.

Zweimal klappte es hervorragend: unbemerkt schlich ich nachts in das Haus und platzierte eine kostbare goldene Kugel erst auf das Bett der älteren, dann auf dem der mittleren Tochter. Nur als ich mit der dritten Kugel zum Bett der Jüngsten kam, lauerte mir der Vater auf und erwischte mich beim Weglaufen sozusagen in flagranti.

Ich war zwar ertappt. Aber der Familie ermöglichten die Kugeln ein bürgerliches Leben, und jeder Tochter halfen sie, einen ordentlichen Mann zu finden.

Auch mein Leben hat die Geschichte grundlegend verändert. Seither gelte ich nämlich als Wohltäter. Ich reize unzählige Menschen seit vielen Generationen dazu, ebenfalls heimlich in der Nacht meines Jahrestages anderen Gutes zu tun, die es für Leib und Seele brauchen. Und ich weise so auf das nahende Weihnachtsfest hin.

Endlich hat man mich nach dieser Geschichte zum Schutzpatron junger heiratsfähiger Mädchen gemacht - und auch zum Anwalt der Prostituierten. Genauso wichtig erscheint mir aber, dass man mich zum Heiligen der Goldhändler und Banker erklärt hat. Leider haben diese aber nicht alle begriffen, was das heißt. Die Herren über Gelder und Goldbarren verpflichten sich damit nämlich dazu, ihr Geld und Gold mit Armen zu teilen, es also nicht zins- und zinseszinsbringend für sich selbst und andere Reiche gewinnbringend anzulegen.

Möge jede (goldene) Kugel in weihnachtlichen Tannenbäumen sie und uns jährlich daran erinnern! Dann haben sie und wir fürs nächste Jahr genug zu tun! Und unsere Weihnachtseinkäufe und -ausgaben erhalten ein Kriterium: sie werden nicht mehr das Reichtumsgefälle unserer Gesellschaft widerspiegeln und bekräftigen, sondern überraschend denen Freude bringen, die ansonsten zu kurz kommen.

Des Kaisers Getreideflotte

In der zweiten Geschichte, die ich Ihnen mitgebracht und nun erzählt habe, ging es um ein Leben in Würde und Glück für eine Familie.

Ich will noch eine dritte Geschichte berichten. In ihr geht es um Leben und Tod einer ganzen Region. Eine katastrophale Hungersnot nämlich hatte meine lykische Heimat getroffen. Der Sommer war unerträglich heiß gewesen, der Regen ausgeblieben, das Korn uns im Halm verdorrt. Schon bald waren alle unsere Vorräte verbraucht. Allein gelassen sahen wir uns der Katastrophe ausgeliefert. Kein Fernsehteam transportierte die Bilder des Elends in alle Welt, um Hilfe zu mobilisieren. Da hörte ich, dass Schiffe voll geladen mit Getreide in einem unserer Nachbarhäfen angelegt hatten. Sie waren im Auftrag des Kaisers von Alexandria gekommen und sollten ihre Ware in die Hauptstadt nach Konstantinopel bringen. Die Ladungen waren genau ausgewogen, die Schiffe gut bewaffnet und bewacht.

Was damals geschah, schildert der alte Bericht über mich aus der legenda aurea. Erlauben Sie mir, dass ich ihn hier zitiere: „Da ging ich, Nikolaus, hin und bat die Schiffsleute, dass sie aus jeglichem Schiff nur hundert Maß Weizen wollten geben, um die Hungernden zu retten. Antworteten die Schiffsleute: ,Vater, das trauen wir uns nicht zu tun, denn das Korn ist zu Alexandria gemessen, und also müssen wir es überantworten in die Scheuern des Kaisers.' Da sprach ich: ,Tut, was ich euch sage. Und ich schwöre euch bei der Kraft Gottes, dass ihr keine Minderung haben werdet an eurem Korn gegen des Kaisers Kornmesser.' Die Schiffsleute erfüllten mein Gebot; und als sie vor die Diener des Kaisers kamen, hatten sie so viel Maß Kornes, als sie zu Alexandria eingenommen hatten. Da sagten sie das Wunder öffentlich und priesen Gott. Unterdessen teilte ich das Korn unter das Volk nach eines jeden Bedürfnis, und von diesem wenigen Korn ward das ganze Land zwei Jahre gespeiset, und blieb noch genug zur Aussaat übrig.“

Wenn ich an dieses Ereignis zurückdenke, sind mir die Bilder der ausgemergelten Leiber noch deutlich vor Augen. Aber ich erinnere mich auch an das Leuchten, das allmählich wieder in den Gesichtern der Menschen wuchs. Und daran, dass wir nicht nur für den Augenblick gesorgt, sondern für die Zukunft gesät haben.

Seit dieser Zeit stellt man mich gern dar nicht nur mit drei goldenen Kugeln, sondern auch mit einem Büschel Getreide in der Hand. Die Seeleute und die Getreidehändler und die Bäcker haben mich zu ihrem Schutzpatron ernannt.

In manchen Gegenden stellen Kinder nicht leere Stiefel, sondern Schiffchen am Abend des 5. Dezember vor die Tür, damit sie gefüllt werden. Und zum Dank für das endlich erhaltene Korn backen Bäcker zum 6. Dezember besonderes Brot.

Merkwürdige Wirkungen

Doch wie es so geht: auch gute Taten haben manchmal merkwürdige Wirkungen. Weil Seeleute mich seither besonders schätzen und ich ihnen in mancher Seenot beigestanden haben soll, konnten sie mir nicht einmal meine Totenruhe gönnen. Über 700 Jahre nach meinem Tod kamen nämlich Matrosen aus der italienischen Hafenstadt Bari, gruben meinen Leichnam in Myra aus und überführten meine Reliquien im Triumphzug am 9. Mai 1087 in ihre Stadt. Spätestens von da an gibt es viele wundersame Geschichten über mich, die ich heute nicht mehr erzählen und kommentieren möchte.

Auch die Legende von den drei Schülern im Pökelfass, die ich vom Tod errettet haben soll, lasse ich jetzt auf sich beruhen - obwohl sie dazu beigetragen hat, dass an vielen Orten in diesen Tagen Kinder-Bischöfe gewählt werden, die die Anliegen von Schülern gegenüber Lehrern, Eltern, Kirche und Kommunen vertreten.

Mein Name

Statt weiterer Geschichten habe ich Ihnen heute nur noch meinen Namen mitgebracht. Ich schenke Ihnen meinen Namen, weil Nikolaus (zu) Ihnen gehört.

Es ist ein griechischer Name, zusammengesetzt aus zwei Worten. Das erste „nicos“ heißt „Sieg“, das zweite „laos“ heißt „Volk“. Sieg und Volk gehören also zusammen. Aber in welchem Sinn? Pädagogen, die mich wohl immer schon missverstanden haben, verstehen darunter entweder den Sieg über das Volk, weil ich angeblich ein „Überwinder des Volkes“ sei, „nämlich aller ihrer Untugenden, die gewöhnlich und gemein sind“. Oder sie verstehen darunter den „Sieg des Volkes“, weil ich ihrer Meinung nach „viele Völker durch Ermahnung und Beispiel gelehrt“ habe, wie sie ihre „Untugenden und Sünden sollen überwinden“.

Ich selbst aber verstehe meinen Namen anders. „Sieg des Volkes“ meint, dass das Volk siegen wird. Sie hier in Ostdeutschland haben ja mal eine Ahnung davon bekommen.

Gottes Volk behauptet sich gegen den römischen Kaiser. Das Volk der DDR stürzt das sozialistische Zwangsregime. Und - als Verheißung - das arme Volk (in unserem Land und in den Ländern der Welt) setzt sich durch gegen die, die es verarmen lassen. In diesem Sinn schenke ich Ihnen heute meinen Namen. Nehmen Sie ihn mit und vergessen Sie ihn nicht. Gründen und unterstützen Sie Stiftungen, die diesen Namen verdienen. Und erinnern Sie sich öfter an das, was Hermann Goltz in einem Gedicht über den Spätherbst 1989 in Leipzig zu St. Nikolai geschrieben hat:

„Die Staatssicherheit hatte ganz vergessen, den Heiligen in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. So tat er still seine Arbeit. Und alle wunderten sich über die Gewaltlosigkeit und über die Friedlichkeit des Umsturzes im Spätherbst 1989 um St. Nikolai.“

*

Der Autor Ulfrid Kleinert ist Theologe und Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden.

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