Jenseits von Bering – die russischen Kolonien des NordpazifiksALASKA

Jenseits von Bering – die russischen Kolonien des Nordpazifiks

Jenseits von Bering – die russischen Kolonien des Nordpazifiks

Mitte des 18. Jahrhunderts nahm Rußland Alaska als Kolonie in Besitz. Der Pelzhandel war wichtigster Beweggrund für die Tausende von Kilometern vom russischen Mutterland entfernten Siedlungen in unwirtlichsten Gebieten. Eine Ausstellung im Münchner Völkerkundemuseum zeigt Exponate vom Leben der Kolonisten und von den Bewohnern, auf welche die Russen in Alaska gestoßen waren.

Von Hans Wagner

Kajak-Modell mit zwei Figuren, handbemalt.  
Kajakmodell mit zwei Figuren, handbemalt.
(Foto: Astrid Eckert)
 

Die Kosaken waren die ersten, die von Rußland aus nach Alaska vordrangen. Während sie Sibirien in den hundert Jahren zwischen 1550 und 1660 eroberten, erreichten sie 1639 auch den Pazifik. 1648 fuhr das erste ihrer Schiffe vom Fluß Kaolymna aus durch die damals noch unbenannte Beringstraße an die amerikanische Küste und erreichte Alaska. Erst 1728 und 1741 konnte Bering im Auftrag des Zaren mit zwei Expeditionen den endgültigen Nachweis erbringen, daß Asien durch die Meerenge der später nach ihm benannten Beringstraße von Amerika getrennt ist.

Im Katalog der Ausstellung über die Kolonien Rußlands im Nordpazifik wird geschildert, wie die Russen vorgingen, um die kostbaren Pelze zu erlangen, die sich in dieser Polarregion besonders gut entwickelten. Dazu gründeten sie auf den Aleuteninseln über vierzig Pelzgesellschaften. Auseinandersetzungen mit der ursprünglichen indianischen Bevölkerung konnten nicht ausbleiben. Dabei gingen die Russen nicht zimperlicher vor als die Siedler im amerikanischen Westen. Versklavung und Völkermord waren gang und gäbe. Von der ursprünglich auf bis zu 25.000 Personen geschätzten aleutischen Bevölkerung sollen ganze 2.500 überiggeblieben sein.

Die russischen Kolonisten verstanden nichts von der Seeotter-Jagd. Sie waren nicht geübt im Kajak-Fahren und im Gebrauch der Harpune. So kam es, daß laut Katalogtext von der eingesessenen Bevölkerung „die Hälfte aller Männer zwischen 18 und 50 Jahren“ für die Russen jagen mußten. Ihre Verwandten habe man während dieser Zeit als Geiseln gehalten.

Die Tlingit-Indianer waren eine ständige Bedrohung für die russischen Siedlungen

  Bär aus Elfenbein, Kamtschatka.
  Bär aus Elfenbein, Kamtschatka.
(Foto: Astrid Eckert)

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gingen wegen der gnadenlosen Jagd auf die Pelztiere die Fangergebnisse immer mehr zurück. Pelzfahrten begannen sich kaum mehr zu lohnen. Indianer vom Stamme der Tlingit oder der Koloschen, wie die Russen sie nannten, machten den Kolonisten und Pelzhändlern das Leben schwer. Sie verweigerten ihnen den Zutritt zu ihrem Territorium und ließen sich auch nicht dazu zwingen, die übliche „Fellsteuer“ zu entrichten oder Fronarbeit zu leisten. „Sie waren eine beständige Bedrohung für die Russen“, die in den Siedlungen Alaskas lebten, schreiben die Autoren Jean-Loup Rousselot und Veronika Grahammer.

Schließlich gerieten die neu besiedelten Gebiete immer mehr in Verruf. Sie würden nur Geld und russisches Blut fordern, aber nichts mehr abwerfen, hieß es in St. Petersburg. Rußland wollte sich stärker auf Asien konzentrieren und verkaufte Alaska schließlich an die Vereinigten Staaten von Amerika. (Siehe dazu auch Gelesen: „Vom Zarenadler zum Sternenbanner“).

Wertvolle Ausstellungsstücke aus dem „Ajaloo-muuseum“ in Tallinn

Holzhut, Aleuteninseln.  
Holzhut, Aleuteninseln.
(Foto: Astrid Eckert)
 

Die ethnographischen Ausstellungsstücke kommen vom Historischen Museum Tallinn (Ajaloo-muuseum). Sie wurden der Münchner Ausstellung zur Verfügung gestellt und sind nun zum ersten Mal in Westeuropa zu sehen.

Die präsentierten Ethnographica stammen aus den russischen Kolonialgebieten des nordpazifischen Raumes. Die Ausstellung ruft damit einen in Vergessenheit geratenen Abschnitt der russischen Geschichte und der kolonialen Expansion Europas in Erinnerung.

Die Sammlungen des Tallinner Museums entstanden im 19. Jahrhundert. Damals war das Baltikum die Ostseeprovinz des Russischen Reiches. So kamen, als russische Untertanen, estnische Forscher mit wissenschaftlichen Expeditionen und estnische Beamte im Rahmen ihrer Verwaltungstätigkeit in die Randgebiete des Zarenreiches. Dabei kauften viele von ihnen „Kuriositäten“ für die Daheimgebliebenen. Alle Gegenstände, die gezeigt werden, stammen von Reisen, die zwischen 1804 und 1855 stattfanden.

Obwohl die für die Ausstellung ausgewählten Objekte sowohl von der asiatischen als auch von der amerikanischen Seite der Beringstraße stammen - einem riesigen Gebiet mit einer Vielzahl ethnischer Gruppen -, haben sie doch gewisse Gemeinsamkeiten. Es sind maritime Kulturen, die Wale und Robben jagen und im Winter in großen Dörfern leben. Die Kleidung ist aus Fellen und Leder. Ihrer Religion nach sind sie Animisten - die Schamanen vermitteln zwischen den Menschen und der überirdischen Welt.

  Kajakmodell mit Figur vom Yukon-Fluß.
  Kajakmodell mit Figur vom Yukon-Fluß.
(Foto: Astrid Eckert)

Bei den ausgestellten Objekten handelt es sich um sorgfältig gearbeitete Zeugnisse der jeweiligen Kulturen. Die aus Häuten und anderen Materialien gearbeiteten Mäntel, Stiefel, Hüte und Taschen sind von großer Finesse. Beispielhaft dafür sind die aus Wurzeln geflochtenen Kopfbedeckungen der Tlingit oder die aus Därmen hergestellten Mäntel der Aleuten. Diese Gebrauchsgegenstände bestechen nach wie vor durch ihre herausragende Schönheit. Sie wurden meistens von Frauen hergestellt.

Die von Männern bemalten Holzgegenstände (Holzhüte, Bogen, Kästen), die in Walroß-Elfenbein eingeritzten Piktogramme und die geschnitzten Figurinen zeugen ebenfalls von Präzisionsarbeit und gehorchen zudem strengen ästhetischen Regeln.

Rüstungen aus Walroß-Elfenbein

Nähnadeln aus Vogelknochenspitzen in einem Behälter mit Deckel am Lederbund, dazu Bär und Scheibe.  
Nähnadeln aus Vogelknochenspitzen in einem Behälter mit Deckel am Lederbund, dazu Bär und Scheibe.
(Foto: Astrid Eckert)
 

Ein Bogen der Koniagmiut, eines Eskimostammes, zeigt zum Beispiel sehr eindrücklich die Kunstfertigkeit der Jäger, die aus Treibholz perfekte Waffen schnitzten und diese anschließend mit einem Fries verzierten. Der Fries dieses Bogens zeigt sowohl reale Tiere, die der Jäger erlegen wollte, als auch Fabeltiere, die ihn bei der Jagd unterstützen sollten.

Auch ein anderes, erstaunlicherweise vollständig erhalten gebliebenes und daher sehr bedeutendes Stück verdient besondere Aufmerksamkeit: Es handelt sich um eine Yuit-Rüstung aus Walroß-Elfenbein-Plättchen. Die einzelnen Plättchen (Lamellen) werden mit Lederriemen gehalten. Die Yuit (auch ein Eskimo-Stamm) der St. Lawrence-Insel im Bering-Meer und von der Tschukotka-Küste bekämpften einander ständig und schützten sich dabei mit Rüstungen aus dicker Walroßhaut oder - wie hier - aus Walroß-Elfenbein.

Einige Exponate zeigen auch deutlich fremde Einflüsse, wie die Mäntel aus Fischhaut der Gruppe der Paläo-asiatische Volksgruppe der Nivchen (früher Giljaken genannt). Diese Kleidungsstücke weisen einen chinesischen Schnitt auf. Daneben ist ein europäisch angehauchter, zylinderähnlicher Hut der Tlingit-Indianer zu sehen. Auch einige eigens für Europäer angefertigte Souvenirs sind zu erwähnen - beispielsweise ein Bilderrahmen für Porträts. Dieser von den Athapaskan-Indianern gefertigte und mit Blumenmotiven aus Elchhaar verzierte Rahmen aus Birkenrinde ist aus traditionellen Materialien gefertigt, aber dabei ganz auf europäische Bedürfnisse zugeschnitten.

Lesen Sie zum Thema auch die Rezension in dieser Ausgabe: „Vom Zarenadler zum Sternenbanner“.

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Weitere Informationen finden Sie hier. http://www.voelkerkundemuseum-muenchen.de/inhalt/html/sonder.html#bering

Geschichte Russland USA

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