„Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar DahlmannGELESEN

„Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar Dahlmann

„Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar Dahlmann

In den letzten Jahren sind auf dem Buchmarkt eine Reihe von Monografien erschienen, die einen populären Ein- und Überblick in die Geschichte Sibiriens geben, so u.a. von Sabine Gladkov (Pustet Verlag 2003) und Gudrun Ziegler („Der achte Kontinent: Die Eroberung Sibiriens”, Ullstein Verlag 2005). Diese vermochten allerdings nicht zu überzeugen. Mit dem vorliegenden Buch von Dittmar Dahlmann sieht das anders aus.

Von Eva-Maria Stolberg

„Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar Dahlmann  
„Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar Dahlmann  

S ibirien hat schon immer die Vorstellungen der Menschen beeinflusst, nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland - nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungsberichte heimkehrender Soldaten. Aber auch literarische und filmische Annäherungen gab es im Deutschland der Nachkriegszeit, man denke nur an den Roman „Soweit die Füße tragen” von Josef Martin Bauer, der 1959 in die deutschen Kinos kam und zu einen „Straßenfeger” wurde.

"Sibirien veranschaulichen": Sibirienbilder

Dittmar Dahlmann nimmt nun ein breites Publikum mit auf eine Reise durch Sibirien, wobei er Historie und Unterhaltung verbindet. Aufgelockert wird das Buch durch zahlreiche Karten und Abbildungen, die leider - und das ist betrüblich - in Schwarz-Wieß gehalten sind. Das Bildmaterial wird in der Mitte des Buches komprimiert präsentiert. Zu bemängeln ist, dass Bilder und Karten sowie Text unvermittelt nebeneinander stehen. Damit verbindet sich ein Manko: Das sicherlich zahlreiche, in Bibliotheken und Archiven (übrigens auch in Deutsch-land) erhaltene Material ist nicht erschöpfend genutzt worden, um die Frage zu verfolgen, welche Sibirienbilder beim deutschen Publikum generiert wurden bzw. werden. Die Textbeschreibung erfolgt sehr dicht, manchmal auch etwas langatmig. Insgesamt ist das Format sehr sperrig, eine Taschenbuchausgabe wäre angebrachter gewesen.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf Eroberung und Erforschung, hier vor allem in der frühen Neuzeit, was nicht verwundert, weil es sich um die Forschungsinteressen des Autors handelt. In der Einleitung beschäftigt sich Dahlmann mit Sibirienbildern von den ersten deutschen Forschungsreisenden bis hin zu der wenig seriösen TV-Serie „Sternflüstern”. Fundierter dagegen fielen die bekannten Reportagen von Gerd Ruge und vor allem Klaus Bednarz aus, auf die Dahlmann leider nicht eingeht. Kritisch setzt sich der Autor mit der heutigen deutschsprachigen Sibirienforschung auseinander. Diese Auseinandersetzung wird jedoch nur am Rande geführt und Alternativen zeichnet Dahlmann leider nicht auf. Ein eigener methodischer Leitfaden wird in der Einführung nicht entwickelt, so dass Kenner der Materie – Historiker, Politikwissenschaftler, Ethnologen oder auch Journalisten – sich fragen, wohin die Darstellung führen soll.

Eine durchdrungene Auseinandersetzung mit dem in den genannten wissenschaftlichen Disziplinen aufgekommenen „spatial turn” findet nicht statt, ebenso wenig eine Diskussion um Grenzen und Grenzlandschaften. Dabei ist die gegenwärtige Forschungsliteratur dazu sehr reichhaltig - dies sowohl in Deutschland, als auch in Russland und im angelsächsischen Raum, wie z.B. Die Fachzeitschrift „Ab imperio” beweist. Grenzlandschaften werden mittlerweile vor allem im Osten Europas ausgemacht (von Autoren wie Mieczysław, Wróbel, Veres, Rutar und viele andere) und hier stellt sich natürlich die Frage, wieweit dieser Osten reicht - bis nach Sibirien und an den Pazifik? Auch auf diese Frage gibt Dahlmanns Buch keine Antwort.

Das Konzept der frontier, zwar von Frederick Jackson Turner 1893 bezogen auf die USA entworfen, ist mittlerweile erheblich modifiziert worden und dies gilt ebenso für Russland wie die Arbeiten von Brian Harvey, Michael Khodarkovsky, Firouzeh Mostashari, Niobe Thompson, Alexander Blakely, David Shearer gezeigt haben. Im Übrigen haben längst sibirische Historiker und Historikerinnen, u.a. an der Sibirischen Abteilung der Russländischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk, das Konzept der modifizierten frontier (russ. Frontir) übernommen und die Diskussion geht weiter.

Der Begriff Eurasien

Dieser durchaus interessante Faden wird von Dahlmann nicht aufgenommen, im Gegenteil, in wenigen Worten als unbrauchbar abgetan, wobei überzeugende Argumente nicht angeführt werden. Dass der Begriff „Eurasien” für die Bezeichnung des janusköpfigen Wesens des Russländischen wie auch sowjetischen Imperiums nicht abwegig ist (ohne in die alten Denkmuster der Eurasischen Schule der 1920er Jahre zu verfallen), darauf weist mittlerweile auch eine Reihe von Publikationen hin. So z.B. das in Deutschland erscheinende „Eurasische Magazin”, oder die vom renommierten Slavic Research Centre in Hokkaidô herausgegebene „Eurasia border review”.

Freilich muss dabei differenziert werden: Russland bzw. die Sowjetunion als „eurasisches Imperium” hatte mehrere, sehr unterschiedliche Grenzlandschaften (frontiers) - sei es der Kaukasus, Zentralasien und Sibirien. „Eurasien” ist alles andere als eine homogene Kulturlandschaft. Jedoch ist der Begriff „Eurasien” nicht nur dafür geeignet, die Spezifika der genannten Grenzlandschaften zu thematisieren, vielmehr stellt er die binäre Form als Grenze/Kontaktzone zu den asiatischen Nachbarländern Russlands dar. Diesbezüglich gewinnt auch der Begriff der frontier an Bedeutung, auch wenn eingestanden werden muss: die auf den amerikanischen Westen bezogene historische Frontier-Forschung ist im Vergleich zu Sibirien weiter fortgeschritten und hier fristet Sibirien nach wie vor ein Schattendasein.

Sibirien - eine vergessene Grenzlandschaft?!

Die Forschungsliteratur zur amerikanischen frontier, zum legendären Wilden Westen hat im US-amerikanischen Diskurs eine lange Tradition, Sibirien steht - angesichts der repressiven, nicht-demokratischen politischen Kultur im Zarenreich wie insbesondere in der Sowjetunion - erst am Anfang. Dass hier sich hier ein besonders lohnender Horizont eröffnet, zeigen u.a. auch die Studien des Max-Planck-Instituts für Ethnologie, hier ist vor allem die Arbeit von Joachim Otto Habeck „Gender and Kul'tura at the Siberian and Northern Russian frontier (Bergen 2005) zu nennen.

Das Buch von Dahlmann fällt aus dieser Perspektive eher klassisch-konventionell aus. Die Stärke liegt vor allem in der wissenschaftlichen Erforschung Sibiriens in der frühen Neuzeit. Auf weiten Strecken des Buches erscheint Sibirien als Annex des europäischen Russland, der Blick des Lesers wird von dortigen Schaltzentralen, d.h. von der Bildung einer (Kolonial) -Verwaltung, der Durchführung von Expeditionen, bis zur Ausbeutung von Rohstoffvorkommen (vor allem zur sowjetischen Zeit) durch die sibirische Landschaft geführt.

Selbstzeugnisse der Menschen - ein Desiderat

Die Menschen dort kommen selbst nicht zur Sprache, obwohl die Quellen dies durchaus hergeben. Dies ist übrigens auch ein generelles Manko der bisherigen Sibirienforschung. Selbstzeugnisse der lokalen, d.h. sowohl russischen als auch indigenen Bevölkerung sind bisher kaum ausgewertet worden. Mit anderen Worten, Sibirien als „Grenzland” ist nach wie vor eine „terra incognita” für die oral history. Händler, Kosaken, Indigene, Frauen und (Zwangs-)Arbeiter kommen nicht zu Wort. Dittmar Dahlmann schreibt die Geschichte Sibiriens größtenteils als integralen Teil der Geschichte Russlands/der Sowjetunion, eine Einbettung in die Geschichte des europäischen Kolonialismus bzw. Imperialismus findet ebenso wenig statt wie eine Verortung auf der Landkarte Asiens, d.h. die langfristigen Kontakte zu Zentralasien, China, Japan und zum Pazifischen Raum finden keine Erwähnung.

Kurz und gut, für ein interessiertes breites Publikum ist das Buch gut und lebendig geschrieben, es enthält auch viele interessante Details - aber unter globalgeschichtlichem Aspekt kann es sich mit Jürgen Osterhammels Oeuvre „Die Entzauberung Asiens” nicht messen, d.h. Sibirien wartet weiterhin auf eine entsprechende Bearbeitung.

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Rezension zu: „Sibirien: Vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ von Dittmar Dahlmann, Schöningh Verlag: Paderborn 2009, 438 Seiten, 39,90 Euro, ISBN: 978-3-506-71361-2.

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