Die Ukraine zwischen Stagnation und UmbruchUKRAINE

Fünf Jahre Maidan-Revolution: Die Ukraine zwischen Stagnation und Umbruch

Die Ukraine zwischen Stagnation und Umbruch

Jahre nach Maidan-Beginn sind 78 Prozent der Ukrainer unzufrieden mit der Entwicklung ihres Landes, das ist eine Steigerung von 26 Prozent gegenüber 2013. An zwei einschlägigen Orten hat unser Reporter mit Teilnehmern und Sympathisanten von damals gesprochen und gefragt: Wie hat sich ihr Leben seit dem Maidan verändert?

Von Denis Trubetskoy | 16.12.2018

Die Pizzeria Veterano, in der Sofyjiwska-Straße ganz in der Nähe vom Maidan in Kiew ist ein Ort, an dem gefühlt jeder westliche Korrespondent schon mal gewesen ist. Der Gründer Leonid Ostalzew – Kampfname Maiblume – hat selber im Donbass gekämpft. Zurück in Kiew hat er die Pizzeria aufgemacht, sich eine Existenz und seinen Kameraden von damals einen Weg in die Resozialisierung geschaffen „Alle zwei Wochen schauen Journalisten hier vorbei. Jetzt, kurz vor dem Maidan-Jahrestag natürlich noch öfter“, erzählt ein Kellner.

Im November jährte sich der Revolutionsbeginn zum fünften Mal. Am 21. dieses Monats hatte die Staatsführung um den später nach Russland geflohenen Präsidenten Wiktor Janukowitsch darauf verzichtet, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. In der Folge kam es zu immer größeren Protesten, Russland annektierte die südukrainische Krim, es folgte der Krieg im Donbass mit über 10 000 Todesopfern – die Zahl steigt bis heute.

Es ist früher Abend und die Pizzeria ist brechend voll. An einem Tisch sitzen Andrij und Olexij, beide Mitte 30 und ursprünglich aus der Westukraine, kennen sich seit ihrem Studium in Lwiw. Im Dezember 2013 kamen sie dann auf den Maidan, schlossen sich den Selbstverteidigungskräften an, danach kämpften sie für ein Jahr in einem Freiwilligenbatallion im Donbass.

Viele spüren: sie haben umsonst gekämpft

Eine große Umfrage der führenden Meinungsforschungsinstitute zeigte zuletzt: 78 Prozent der Ukrainer halten die derzeitige Entwicklung des Landes für falsch. Seit 2013 ist das eine Steigerung von einem Viertel. Haben Andrij und Olexij das Gefühl umsonst gekämpft zu haben? „Das nicht. Wenn ein sogenannter Präsident die Miliz auf Demonstranten loslässt, wenn Russland unser Land offen angreift, da kann man nicht tatenlos zuschauen“, sagt Andrij nachdenklich.

Beide hadern mit der Alltagskorruption:  „Wir kommen mit kleinen Kaffeeständen am Rande gerade so über die Runden“, sagt Andrij. „Aber wir befinden uns damit im rechtlosen Raum – bei zwei Behörden hieß es ganz konkret, wir sollten bezahlen, um die Genehmigung zu beschleunigen. Wir dachten eigentlich, dass es diese direkte Korruption nicht mehr gibt.“

Die Meschyhirska-Straße im Kiewer Kultbezirk Podil ist bei jungen Ukrainern und Ausländern beliebt. Hier findet man auch bei winterlichen Minusgraden noch Leute, die des nachts mit ihren Drinks vor den Clubs stehen.

„Eine wirklich wählbare politische Kraft gibt es für uns nicht“

Anzhelika (26) und Alina (21) gehen kurz mit einem Glas Wein auf die Straße, um eine zu rauchen. Die gebürtige Kiewerin Anzhelika war seit dem zweiten Maidan-Tag dabei, Alina lebte damals noch im ostukrainischen Charkiw, gehörte aber von Beginn an zu den Sympathisantinnen der Revolution – vor allem, weil sie eine stärkere Verbindung zwischen Kiew und Brüssel wollte. „Im Augenblick sind so viele Türen für junge Ukrainer offen wie noch nie“, sagt Anzhelika, „Alina zum Beispiel hat vor kurzem ein Praktikum in Wien gemacht, das war zu meiner Studienzeit noch viel schwieriger.“

Angesichts des anstehenden Superwahljahres 2019 mit Parlamentswahlen im Herbst und der Präsidentschaftswahl am 31. März, sind die jungen Frauen skeptisch. „Man kann schon jetzt sagen, dass die Vertreter des alten Systems uns weitere fünf Jahre regieren werden. Ob die ukrainische Demokratie das ertragen kann, ist fraglich.“ „Eine wirklich wählbare politische Kraft gibt es für uns nach wie vor nicht“, setzt Anzhelika fort. Gleichzeitig versuche Präsident Poroschenko, mit seiner patriotisch-nationalistischen Agenda im Wahlkampf zu mobilisieren: „Ich bin ja selbst für eine Ukrainisierung, aber Themen wie Sprache, Glaube und Armee haben im 21. Jahrhundert nichts zu suchen.“

Dennoch, Alina will in der Ukraine bleiben – trotz ihrer Auslandsaufenthalte. Mit dieser Einstellung gehört sie in ihrer Heimat allerdings zur Minderheit. Das wird eine der Herausforderungen, mit denen die Politik die nächsten fünf Jahre zu kämpfen haben wird.  Es scheint, als laste das Erbe des Maidan schwer auf den Schultern eines politischen Systems, das fünf Jahre nach der Revolution noch keinen Weg gefunden hat, der Begeisterung und den Erwartungen der Menschen von damals gerecht zu werden.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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