Ukraine: „Weil ich Brüder getötet habe“UKRAINE

„Weil ich Brüder getötet habe“

Ukraine: „Weil ich Brüder getötet habe“

Der Krieg in der Ostukraine hat neben Zerstörung und drängenden humanitären Nöten vor allem auch eine Konsequenz: Traumata. 600.000 Menschen leben allein in der Pufferzone und sind direkt vom Krieg betroffen, mit den heimkehrenden Soldaten kriechen die psychischen Folgen in alle Städte und Dörfer der Ukraine.

Von Stefan Schocher | 23.02.2018

Lozowa in der Ostukraine ist nicht der Nabel der Welt. Noch weniger der Bahnhof der kleinen Stadt zwischen Kharkiv und Slowljansk. Und schon gar nicht das kleine Café am Ende der Wartehalle – ein mit provisorischen Wänden abgetrennter Bereich. An einem Tisch in der Ecke sitzt eine Frau um die 30 mit verquollenen Augen und starrt murmelnd auf ein Glas mit klarer Flüssigkeit darin. Kostya, am Tisch gegenüber, mampft Mayonnaisesalat, gebratene Pilze, Kroketten, ein gebratenes Stück Fleisch. Dazu trinkt er Cognac mit einer Scheibe Zitrone darin. „Slawa Ukraini“ ruft er lauthals durch den Raum – um sich gleich darauf zu entschuldigen. Er senkt den Blick, isst weiter. Niemand im Raum reagiert mit einem ansonsten unter ukrainischen Patrioten üblichen „Gerojam Slawa“. Die Dame am Tisch in der Ecke starrt auf ihr Glas. An einem anderen Tisch machen sich Reisende auf zu ihrem Zug.

Es war nicht Kostyas erstes Glas an diesem Tag. Wohl auch nicht das zweite. Und ganz sicher nicht das letzte. Nach Kiew will er, sagt er. Freunde besuchen. Später wird er meinen, er plane nach Kharkiw zu fahren, um dort einstige Kameraden zu treffen. Irgendwann wird er aber einfach aufstehen, ohne ein Wort zu sagen, und mit Tränen in den Augen aus dem Café rennen, ohne seinen Rucksack mitzunehmen. Hinaus in den Schneesturm.

Zehntausende Männer kehren zurück – erschöpft, ausgemergelt

Drei Jahre hat er zusammengerechnet an der Front verbracht. Drei Winter hat er mit einem Gewehr in der Hand im Schnee gehockt. Eine Zeit, in der er „viele Brüder“ sterben hat sehen, wie er sagt. Er bemüht sich um ein Lächeln, seine Augen werden nass. Er spießt ein großes Stück Fleisch auf, beißt davon ab. Trinkt. Dann hält er alle im Raum für Spione, blickt wild um sich, wird kurz lauter – um dann wieder den Blick auf seinen Teller zu senken und sich zu entschuldigen. Er vertraue niemandem, sagt er. Und dennoch werde er reden.

Es sind die Langzeitfolgen eines Krieges, der im Osten der Ukraine ausgetragen wird, die sich mit den heimkehrenden Soldaten auf das gesamte Land ausbreiten. Zu lange dauert der Einsatz an der Front, die geplanten Stationierungszeiten werden jeweils weit überschritten. Und so kehren Zehntausende junge Männer erschöpft und ausgemergelt in ihre Dörfer zurück mit Bildern von zerrissenen Körpern und toten Kameraden im Kopf und der Erfahrung elendlanger Nächte in eisiger Kälte ohne offenes Feuer unter Artilleriebeschuss. Das schafft junge  Männer wie Kostya.

Kriegsfolgen: Aggressionen, häusliche Gewalt, Suizidgefahr

Bei der Organisation ProMir mit Hauptsitz in Slowjansk weiß man ein Lied davon zu singen. ProMir hat die seelischen Folgen dieses Krieges im Fokus und kümmert sich um die Aufarbeitung von Traumata, die vor allem auch Zivilisten erlitten haben und tagtäglich erleiden. Es sind vor allem die Langzeitfolgen posttraumatischer Belastungsstörungen, vor der die Psychologen in dem Zentrum warnen: Aggressionen, häusliche Gewalt, Suizidgefahr, nennt Tatjana Aslayan von ProMir als markanteste Folgen. Die Gegenstrategie von ProMir: Psychotherapie mit Erwachsenen und Kindern, um das Erlebte zu verarbeiten.

Da finden sich auch solche Fälle, in denen die Väter zweier enger Freunde, beides Kinder, auf unterschiedlichen Seiten der Front kämpfen. Aktiv ist die Organisation aber vor allem im Osten des Landes, im Kriegsgebiet. Um die Tätigkeit auf traumatisierte Militärs auszuweiten, fehlen die Mittel. Und schon der Bedarf für zivile Opfer kann nur notdürftig gedeckt werden.

Kostya erzählt kauend von einer LKW-Ladung mit Osterbroten für die Soldaten, die eines Tages plötzlich praktisch neben ihm explodiert sei, als der LKW von einer Granate getroffen wurde. Lange erzählt er tief über den Tisch gebeugt, wie sich die Teigbrocken mit Matsch und Blut vermischt haben.

„Ich bin nicht wahnsinnig“

Auf seine Familie angesprochen schweigt Kostya einmal einige Zeit, stochert in den Resten seiner Mahlzeit herum. Zwei Kinder hat er. Die Tochter ist 16, der Sohn acht. Und wieder die Tränen in den Augen. Kostya kommt aus einem Dorf nahe Lozowa. Ein Dorf, von dem er sagt, dass man ihn dort anfeinden würde. „Weil ich Brüder getötet habe.“ Ob er denn verheiratet sei? „Ja“, sagt er, „aber sie ist beleidigt.“ Mehr will er dazu nicht sagen.

Die Frau vom Tisch in der Ecke steht plötzlich neben ihm, fragt, ob er denn seine Pilze noch esse. Er reicht ihr den Teller. Ob sie denn auch Kaffee wolle, fragt Kostya und deutet auf eine Tasse neben seinem Teller. Sie: „Sehr gerne.“ Kostya: „Dann kauf dir doch selbst einen, du Schlampe.“ Dann kramt er in seiner Jacke herum, zieht seinen Armeeausweis heraus, zeigt ihn und sagt: „Ich bin nicht wahnsinnig.“

Arbeit? Gerade, um gerade über Wasser zu bleiben

Als einen, der Glück gehabt hat, könnte man Kostya bezeichnen. Er hat drei Jahre an der Front unverletzt überstanden. Er hat noch alle Gliedmaßen an sich. Und dennoch ist nichts wie zuvor. Und er ist kein Einzelfall: In jeder Stadt, in jedem Dorf quer durch die Ukraine, gibt es solche wie ihn. Arbeit zu finden ist schwer. Längst haben Arbeitgeber die Erfahrung gemacht, dass die, die an der Front waren, nicht die sind, die sie einmal waren. Für Kostya, der sich noch einmal 100 Gramm Cognac und ein Bier von der Theke geholt hat, bedeutet das: Schwarzarbeit für einen Geschäftsmann, „der uns schon damals an der Front versorgt hat mit Nahrung und warmer Kleidung“. Was er genau heute für diesen Unternehmer macht, will er nicht näher erläutern. Nur soviel: „Dies und jenes.“ Genug, um gerade einmal über Wasser zu bleiben ist es, lässt er durchblicken.

Für seine Kinder habe er gekämpft. Dafür, dass sie in Frieden leben könnten. Tränen schießen erneut in seine Augen. Er hebt die Schultern, ein Seufzen. Angst habe er vor niemandem. Langes Schweigen. Sehr langes Schweigen.  Ein Blick durch den Raum und ein wütendes: „Alles Spione.“ Dann reicht er die Hand zur Verabschiedung. Setzt sich wieder hin, starrt mit feuchten Augen auf das halbleere Bier vor ihm, nimmt einen Schluck. Dann springt er auf, rennt aus dem Lokal. Nach einer Weile kommt er wieder, um seinen Rucksack zu holen. Wortlos. Als der Nachtzug nach Kiew über Kharkiw einfährt, ist Kostya nicht mehr zu sehen.

*

Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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